Als das Volk beim Volkslauf nur zuschaute

Die Nachtlauf-Geschichte (Teil 3 und Schluss) - Anfangs dominierten Leistungsläufer und nicht Hobbyrenner

Quelle: Braunschweiger Zeitung, 17.06.2011, von Frank Rieseberg

Eine Woche noch, dann gibt es ein beachtliches Jubiläum zu feiern. Nächsten Freitag fällt der Startschuss für den 25. Braunschweiger Nachtlauf des MTV. Zum 24. Mal wird es dann ein Rekord-Meldeergebnis geben. Wie immer werden Zehntausende von Zuschauern erwartet.

Und Tausende von Gewinnern stehen jetzt schon fest: die Teilnehmer, Jungen und Mädchen, Männer und Frauen wirklich aller Altersklassen. Sie alle eint der Mut, in aller Öffentlichkeit zu zeigen: Hey, ich habe Spaß am Fitsein, am Sport, am Laufen. Allein für mich. Oder in der Gruppe, mit Freunden, Kollegen oder Mitschülern.

Der Nachtlauf hat ein großes Kapitel Braunschweiger Sportgeschichte geschrieben, vom ersten Startschuss weg am 12. Juni 1987. Ganz am Anfang stand die Idee, Massen von Sportlern für ein gemeinsames Lauferlebnis zu gewinnen. Mitten in der Stadt. Auf Asphalt.

Zwar gab es so etwas schon in Weltstädten mit ihren jährlichen Marathon-Rennen. Aber auf kürzeren Distanzen kaum. In Deutschland genoss deshalb die "Nacht von Borgholzhausen" seit 1976 als Mekka der Langläufer nahezu ein Alleinstellungsmerkmal. Und der MTV Braunschweig entschloss sich als größter Verein der Stadt mit den meisten organisierten Läufern, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen.

Der Begriff "Volkslauf" beschrieb damals das Volk der Läufer. Ganz anders als viele Vereine in den umliegenden Dörfern, die eine große Tradition mit ihren Volkswandertagen einmal im Jahr pflegten und damit das tatsächliche Volk als Zielgruppe bewarben. Dort war es natürlich niemals verboten, die Strecken zu laufen. Die Veranstaltungen hießen eben nur nicht so.

Der Nachtlauf des MTV hat sich in 25 Jahren kontinuierlich, anfangs langsam und dann immer schneller, zu einem wahren Volkslauf verändert. Die in den ersten Jahren angebotenen Strecken über sechs und zwölf Kilometer fühlten sich auch nicht eben einladend an für Menschen ohne große Lauferfahrung. Erst 1994, beim achten Nachtlauf, brachte die Einführung des 3200-Meter-Rennens - also eine Runde auf dem Stadtkurs - die Wende. Mit dem Charakter der Läufe änderten sich auch die Ambitionen der Teilnehmer. Für immer mehr Menschen kam es nicht so sehr darauf an, wie schnell das Rennen beendet wird. Die Teilnahme war das Ziel und das Ankommen schon ein kleiner Sieg.

Und auch das Publikum veränderte sich zunehmend. Während in den ersten Jahren nationale Asse und sogar Weltstars auf der Strecke bejubelt wurden, sind es heute in der Masse Mütter und Väter, die ihre Sprösslinge anfeuern. Oder Großmütter und Großväter, weil die Mütter und Väter selbst mitlaufen. So muss ein wahrer Volkslauf sein.

Erst die veränderte Auslegung der Rennen seitens der Veranstalter machte es auch möglich, dass Jahr für Jahr Teilnehmer-Rekorde gefeiert werden können. Zum Jubiläum sind es nahezu fast schon unglaubliche 10.000 Menschen, die sich auf die Socken machen, den Bohlweg entlang zu laufen und dann über drei Kilometer durch die Innenstadt.

1999 war der MTV total stolz. Er meinte, eine "Schallmauer" durchbrochen zu haben - mit 2.500 Teilnehmern. 2004 waren es schon 5.100 Läuferinnen und Läufer, 2008 gar 8.000. Begrenzend für die Anzahl der Teilnehmer war auch stets die Technik. Doch Fortschritte in der Entwicklung der elektronischen Hilfsmittel ermöglichen Jahr für Jahr mehr und mehr.

Besonders war der Nachtlauf des Jahres 2005, als wegen Bauarbeiten auf dem Bohlweg Start und Ziel auf der Münzstraße eingerichtet waren. Vielleicht war das schon Vater des Gedankens für den neuesten Coup der Nachtlauf-Macher: Auch nächsten Freitag fällt einmal der Startschuss auf der Münzstraße. Für den neuen Kindergartenlauf über 600 Meter. Das "Nachtlauf-Volk" wird immer größer - und jünger.

Alle Altersklassen nehmen inzwischen mit großer Begeisterung am Nachtlauf teil. Der Sieg über sich selbst gilt als größter Erfolg.